Wie kommt ein junger Mensch zur Eisenbahn? Stellen auch Sie sich diese Frage?
Wie kann das Eisenbahnvirus nur derart krass zuschlagen, dass die Eisenbahn quasi zum Lebensinhalt eines Menschen wird?
Eines Menschen notabene, der nicht mal bei der Eisenbahn arbeitet?
Nehmen wir mal einen kalten, aber sonnigen Wintertag. Es gibt Menschen, die an solchen Tagen gemütlich mit ihrer Familie
in der warmen Stube bei Kaffee und Kuchen sitzen. Wieder andere vergnügen sich mit Snowboard und Skiern
in irgendwelchen Wintersportgebieten. Und dann gibt es noch solche, die zuhinterst im Glarnerland
mit einem Fotoapparat in der Hand im Tiefschnee stehen, sich den Arsch abfrieren und auf irgend einen Zug warten.
Tatsächlich, solche Spinner gibt es! Und ich gehöre dazu. Doch wie konnte es nur soweit kommen?
Nun, schuld ist einerseits meine Familie. Wir hatten zu Hause kein Auto und immer, wenn wir verreisten, benutzten wir die Bahn.
Die Eisenbahn bedeutete damit für mich das Tor zur grossen weiten Welt.
Natürlich war ich als kleiner Junge tief beeindruckt von den mächtigen starken Lokomotiven. Ausserdem wohnte ich mit
meinen Eltern jahrelang direkt beim Bahnhof Sursee (LU), sah und hörte somit tagtäglich Eisenbahnen. Auf diese Weise kam ich schon
in meinen jüngsten Jahren mit der Eisenbahn in Berührung.
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als die Eisenbahn in der Schweiz noch anders aussah als heute.
Als noch die kleinsten Bahnstationen mit Personal besetzt waren.
Als es noch Wärter gab, die bei Bahnübergängen die Barrieren mit einer Kurbel senkten und hoben.
Als noch in jedem Zug ein Kondukteur mitfuhr.
Als es noch keine Interregios, S-Bahnen und Regio-Expresse gab.
Als die Regionalzüge noch aus Leichtstahlwagen bestanden und von Re 4/4
I gezogen wurden.
Als noch Ae 4/7 vor Güterzügen im Einsatz waren.
Und als die Billette noch aus Karton waren.
Vor allem die Kartonbillette hatten es mir damals angetan. Als Kind hatte ich sie gesammelt und in einer
Pralineschachtel aufbewahrt. Das war mein kleiner Schatz, den ich gehütet hatte wie meinen Augapfel. Ich hatte über hundert Stück davon.
Sie sehen, Eisenbahn heisst auch Nostalgie für mich.
Obwohl das jetzt sehr wehmütig klingt, strahlt auch die heutige Eisenbahn durchaus eine aussergewöhnliche Faszination auf mich aus.
Auch die modernen Fahrzeuge haben ihren Reiz. Deshalb kann man mich heute häufig an irgendwelchen Eisenbahnlinien antreffen,
den Fotoapparat im Anschlag. Ich bin mit der Eisenbahn aufgewachsen, lebe mit ihr zusammen und werde ihr wohl auch in Zukunft treu bleiben.
Andere junge Männer träumen von einem Ferrari. Ich nicht. Was soll ich mit einem Ferrari?
Ein Ferrari kostet ein Vermögen, macht einen Höllenlärm, säuft wie ein Kalb, ist sauteuer im Unterhalt und stinkt genauso wie andere Autos auch.
Viel lieber hätte ich eine ausrangierte Ae 4/7 im Garten!