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Die Entstehung des Schweizer Bahnnetzes

Einleitung

Die Schweiz verfügt über eines der dichtesten Bahnnetze Europas. Dies, obwohl mit den Alpen ein grossflächiges nur dünn besiedeltes und für den Bahnbau sehr schwieriges Gebiet vorhanden ist, das rund einen Drittel der Fläche des Landes einnimmt. Am Gotthard, am Lötschberg und am Simplon wurde die Alpenbarriere durchbrochen; die Hochtäler blieben eine Domäne der anpassungsfähigen Schmalspurbahnen. Im Flachland hingegen entwickelte sich ein dichtes Normalspurnetz, von welchem die meisten Strecken auch heute noch betrieben werden. Streckenstilllegungen gab es zwar auch in der Schweiz (siehe auch Vergessene Bahnen), doch hielten sie sich in Grenzen.
Doch wie ist dieses Streckennetz entstanden? Stellen auch Sie sich diese Frage? Mich zumindest interessierte sie brennend. Deshalb nahm ich einmal eine Karte der Schweiz und begann, die Bahnstrecken der verschiedenen Bahngesellschaften von Beginn des Bahnbaus weg chronologisch bis 1900 aufzuzeichnen. Die Ergebnisse dieser Arbeit sehen Sie auf dieser Seite. Kommen Sie also mit, in die Anfänge des Eisenbahnzeitalters in der Schweiz; in eine Zeit, als die Privatbahnen das Sagen hatten und sich gegenseitig konkurrenzierten!

1847: Aller Anfang ist leicht
1844 lagen die ersten Schienen auf Schweizer Boden. Die französische Bahngesellschaft chemin de fer de Strasbourg - Bâle (StB) stiess aus dem Elsass nach Basel vor. Doch die erste Bahnstrecke in der Schweiz war die Strecke Zürich - Baden der Schweizerischen Nordbahn (SNB), die 1847 eröffnet wurde. (Da die SNB 1853 in Schweizerische Nordostbahn NOB umbenannt wurde und um Verwechslungen mit der Schweizerischen Nationalbahn SNB zu verhindern, figuriert die Schweizerische Nordbahn hier von Beginn weg unter dem Kürzel NOB.) Noch heute ist diese Strecke unter dem Namen "Spanisch-Brötli-Bahn" bekannt. Die Karte rechts zeigt die Situation, wie sie sich Ende 1847 präsentierte.
In den Jahren danach stagnierte der Bahnbau. Erst 1854 kamen weitere Strecken dazu.
1854: Endlich geht es weiter
Politische Probleme liessen den Bahnbau ruhen. Zudem hatte die Eisenbahn ursprünglich auch viele Gegner. Die Strecke Zürich - Baden hätte ursprünglich bis nach Basel führen sollen, doch die Kantone Aargau, Basel Land und Basel Stadt verweigerten der Bahngesellschaft die Konzessionen für den Weiterbau.
In Basel wurde dann aber die Schweizerische Centralbahn (SCB) gegründet, die von Basel aus südwärts vorstiess und endlich wieder Bewegung in den Schweizer Eisenbahnbau brachte. 1854 konnte immerhin die Strecke bis Liestal eröffnet werden.
Auf der Karte rechts die Situation Ende 1854.
1855: Erstmals Schienen in der Westschweiz und: die Bodenseebahn kommt
Von Zürich aus wurde die Verbindung zum Bodensee gesucht. Nicht zufällig, war dies doch eine strategisch wichtige Verbindung, da vom Ufer des Bodensees mittels Schiffsverkehr den Anschluss ans Deutsche Schienennetz hergestellt werden konnte. So war die NOB nicht alleine, die diese Verbindung suchte: auch in St. Gallen war man sich der Wichtigkeit dieses Anschlusses bewusst und so versuchten die St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahnen SGAE ihrerseits, von Winterthur über St. Gallen den Bodensee zu erreichen. Die NOB allerdings war mit ihrer Thurtallinie schneller. Im Zusammenhang mit dieser Strecke tauchte ein Name auf, der in den folgenden Jahrzehnten die Geschicke der NOB leiten und zu einem der mächtigsten Schweizer seiner Zeit aufsteigen würde: Alfred Escher.
In der Westschweiz eröffnete die Compagnie d' Ouest Suisse OS den Bahnbau. Dass ihr erster Streckenabschnitt die Verbindung zwischen Neuenburger- und Genfer See herstellte, war auch hier kein Zufall: Die Eisenbahn wurde anfänglich oft als Ergänzung zum Schiffsverkehr gesehen.
1856: Die SCB gibt Gas
In diesem Jahr erreichte auch die SGAE mit ihrer Bahnstrecke über St. Gallen und Rorschach den Bodensee. Die NOB schloss die Lücke zwischen Zürich Oerlikon und Hauptbahnhof und stiess von Baden weiter westwärts bis Brugg vor. Ausserdem trat in der Ostschweiz eine neue Bahngesellschaft auf den Plan: die Glatthalbahn eröffnete ihre Strecke von Wallisellen bis Uster.
Richtig Gas gab in diesem Jahr die SCB: ihre erste Strecke ruhte zwar nach wie vor in Sissach, doch nun eröffnete sie die 64 km lange Strecke von Aarau über Olten und Sursee nach Emmenbrücke, das wegen Uneinigkeiten über den Standort des Bahnhofs Luzern drei Jahre lang Endstation bleiben sollte.
In der Westschweiz schliesslich erweiterte die OS ihr Netz von Renens nach Lausanne.
1857: Zwei neue Bahngesellschaften und: die SCB breitet sich weiter aus
In der Ostschweiz entstand eine neue Bahngesellschaft: Die Vereinigten Schweizerbahnen (VSB) übernahmen die SGAE sowie die Gl-TB und ergänzten die beiden Strecken mit den Abschnitten Uster - Wetzikon und Rorschach - Rheineck. Dies sollten aber nur die Vorboten weiterer langer Bahnstrecken werden. Die Rheinfallbahn, ursprünglich eine eigene Gesellschaft, begann mit dem Bau der Strecke Winterthur - Schaffhausen. Noch vor der Fertigstellung der Bahnlinie wurde die Gesellschaft aber von der NOB übernommen, der es schliesslich oblag, diese Strecke zu eröffnen.
Einmal mehr war aber die SCB am fleissigsten: Sie eröffnete in diesem Jahr die Strecke Olten - Bern und stiess ausserdem von Herzogenbuchsee über Solothurn nach Biel vor. Zudem erreichte sie von Sissach durch das Homburgertal Läufelfingen am Hauenstein.
Auch auf den Jurahöhen fuhr in diesem Jahr die erste Bahn; und zwar zwischen La Chaux-de-Fonds und Le Locle, gebaut von der Compagnie du Jura Industriel (JI). Die OS schliesslich eröffnete den Abschnitt Villeneuve - Bex.
1858: Lücken werden geschlossen und: die Eisenbahn dampft durchs Rheintal
Die VSB erweiterte ihr Streckennetz und verlegte einen Schienenstrang von Rheineck durch das Rheintal bis Chur, der in diesem Jahr eröffnet wurde. Ausserdem wurde die Strecke im Zürcher Oberland von Wetzikon bis Rüti ZH fortgeführt.
Ausserdem wurden einige wichtige Lücken gefüllt. So erreichte die NOB mit ihrer Strecke Aarau, wo sie Anschluss bot an das Streckennetz der SCB. Diese wiederum füllte die Lücke zwischen Läufelfingen und Olten und erhielt dadurch endlich ein zusammenhängendes Streckennetz. So unscheinbar dieser kleine Abschnitt scheint: es war ein Meilenstein in der Schweizer Eisenbahngeschichte! Zwischen Läufelfingen und Olten befand sich nämlich mit dem Hauensteintunnel der damals zweitlängste Tunnel der Welt. Zum ersten Mal wurde ein Gebirgszug mit einem Tunnel durchbohrt.
In der Westschweiz schliesslich baute die OS ihr Streckennetz in Richtung Genf aus und erreichte Versoix. Die Compagnie de Genève - Versoix (GV) füllte die Lücke zwischen Genf und Versoix. Ausserdem erhielt Genf Anschluss ans französische Bahnnetz.
Ende dieses Jahres war zum ersten Mal eine Reise ganz auf dem Schienenweg möglich von Chur nach Bern, Biel oder Basel.
1859: Diverse Erweiterungen
Die VSB baute ihr Streckennetz weiter aus und mit der Strecke Sargans - Rüti ZH verband sie ihre bis anhin isolierte Strecke im Zürcher Oberland mit dem restlichen Streckennetz. Ausserdem erstellte sie die Stichstrecke Weesen - Glarus.
Die NOB stiess von Turgi nach Waldshut vor und stellte dort den Anschluss ans Deutsche Bahnnetz her. Es war der erste Grenzübergang per Schiene nach Deutschland.
Die SCB erreichte endlich Luzern, nachdem die Schienen zuvor drei Jahre lang in Emmenbrücke endeten. Zudem stiess die SCB von Bern in Richtung Berner Oberland vor und eröffnete die Strecke nach Thun.
Im Jura entstand die Strecke von Neuenburg über die Spitzkehre in Chambrelien in Richtung La Chaux-de-Fonds der JI; es blieb vorläufig allerings eine Lücke zwischen Les Hauts-Geneveys und Convers. In der gleichen Region eröffnete die Compagnie de Franco-Suisse (FS) in Zusammenarbeit mit der OS die Strecke Yverdon - Neuenburg - Le Landeron.
Auch im Wallis hielt die Eisenbahn nun Einzug: die Ligne d'Italie (LI) eröffnete die Strecke Bouveret - Martigny.
1860: Nur in der Westschweiz geht es weiter
Während in der Deutschschweiz weitere Eröffnungen vorläufig ausblieben, gingen die Arbeiten in der Westschweiz weiter: Die FS eröffnete die Strecke von Neuenburg durch das Val de Travers nach Les Verrières. Zudem wurde die Lücke zwischen Le Landeron und Biel geschlossen und auch die Strecke Neuenburg - Le Locle war ab nun durchgehend befahrbar.
Von Bern wurden die Gleise in Richtung Fribourg verlegt; bis zur Kantonsgrenze von der SCB, ab dort war die Compagnie de Lausanne - Fribourg - Berne (LFB) für die Weiterführung zuständig. Ihr Gleis endete vorläufig an der Saane bei Düdingen.
Die LI stiess weiter talaufwärts in das Wallis vor und erreichte Sion; die OS schloss die Lücke zwischen Bex und der LI-Strecke.
Ende des Jahres 1860 konnte erstmals auf dem Schienenweg vom Genfer See zum Bodensee gefahren werden. Allerdings gab es kaum Zusammenarbeit zwischen den Bahngesellschaften. Man brauchte für jede Gesellschaft eine eigene Fahrkarte und die Fahrpläne waren nicht aufeinander abgestimmt.
1865: Kleine Schritte im Osten, grosse im Westen
Fünf Jahre später: Die neu gegründete Bülach - Regensberg-Bahn (BR) eröffnete ihre Strecke von Zürich Oerlikon nach Bülach und Dielsdorf. Der Kanton Schaffhausen ist inzwischen von der Grossherzoglichen Badischen Staatseisenbahn durchquert worden, die in Schaffhausen damit einen Übergang vom Schweizerischen ans Deutsche Bahnnetz bot. Die Zürich - Zug - Luzern-Bahn (ZZL) erstellte die Bahnstrecke von Zürich Altstätten über Affoltern am Albis nach Zug und weiter bis Luzern.
In der Westschweiz trieb die LFB ihre Strecke voran. Von Düdingen wurde über Fribourg und Romont Lausanne erreicht. Zuvor hatten Uneinigkeiten über die Streckenführung das Bauprojekt verzögert. Ausserdem schloss die OS die Lücke zwischen Lausanne und Villeneuve und besass damit endlich ein zusammenhängendes Streckennetz.
Zwischen Biel und Bern eröffnete die Bernische Staatsbahn (BSB) ihre Bahnstrecke. Die gleiche Gesellschaft baute auch die Strecke Gümligen - Langnau im Emmental. Ziel dieser Strecke war von Anfang an Luzern; doch sollten noch 11 Jahre vergehen, bis die Schienen Luzern erreichten...
1870: Wenig neues
In den Jahren 1865 bis 1870 gab es nur wenige Erweiterungen im Schweizer Schienennetz. In der Ostschweiz entstand mit der Toggenburgerbahn (TB) immerhin eine neue Bahngesellschaft, die ihre Strecke von Wil durch das Toggenburg nach Ebnat-Kappel 1870 in Betrieb nahm. Die NOB schloss die Lücke zwischen Romanshorn und Rorschach. Zwischen Rorschach Hafen und Rorschach verliefen die Gleise der NOB und der VSB parallel.
Auch in der Westschweiz wurde eine neue Bahngesellschaft gegründet. Die Compagnie de Jougne - Eclépens eröffnete ihre Bahnstrecke von Daillens bei Cossonay bis zur französischen Grenze in Vallorbe 1870.
Im Wallis wurde die Strecke der LI von Sion bis Sierre fortgeführt.
1875: Neuer Eisenbahn-Boom
So wenig in den Jahren 1865 bis 1870 gelaufen war, so sehr zog der Eisenbahnbau in den darauffolgenden fünf Jahren an. Gleich 5 neue Bahngesellschaften beteiligten sich am Bau weiterer Strecken.
Die Schweizerische Nationalbahn (SNB) hatte sich auf die Fahnen geschrieben, eine Bahn fürs Schweizer Volk zu sein und steckte sich das ehrgeizige Ziel, mit einer Transitstrecke vom Bodensee zum Genfer See die grossen Privatbahnen zu konkurrenzieren. 1875 war immerhin das Teilstück Singen / Konstanz - Winterthur fertig gestellt.
Ebenfalls eine neue Gesellschaft in der Ostschweiz war die Tösstalbahn (TTB), die 1875 ihre Strecke von Winterthur nach Bauma eröffnete.
Auch die NOB war aktiv und erweiterte ihr Streckennetz. 1871 eröffnete sie die Strecke entlang des Bodensees von Romanshorn nach Konstanz; vier Jahre später nahm sie die Strecke am Westufer des Zürichsees von Zürich nach Näfels bei Glarus in Betrieb. Heute verkehren auf dieser Strecke die Fernverkehrszüge Zürich - Chur.
Die Aargauische Südbahn (ASB) stiess von Rupperswil ins Freiamt vor; erreichte 1874 Wohlen und ein Jahr darauf Muri AG. Die Bözbergbahn (BÖB), ebenfalls eine neu gegründete Bahngesellschaft, eröffnete ihre Strecke von Pratteln bei Basel durch das Fricktal nach Brugg.
Endlich fertiggestellt werden konnte die Strecke Langnau - Luzern der Bern - Luzern-Bahn (BLB). Die Emmentalbahn (EB) eröffnete die Strecke Biberist - Burgdorf. Zwischen Biberist und Derendingen existierte damals eine Industrie-Pferdebahn, die 1884 wieder eingestellt wurde.
In der Westschweiz konzentrierte sich der Bahnbau vor allem auf den Jura. 1872 eröffnete die Compagnie de Porrentruy - Delle (PD) die Strecke zwischen Porrentruy und Delle. Die Compagnie de Jura bernois (JB) erreichte von Basel durch das Birstal Delémont und eröffnete 1874 die Strecke von Biel nach Tavannes sowie durch das Vallon de St-Imier in Richtung La Chaux-de-Fonds. In Covers vereinigte sich die Linie mit der JI; Züge von Biel nach La Chaux-de-Fonds mussten dort eine Spitzkehre machen.
Nicht zu vergessen ist das Tessin, in welchem 1874 erstmals eine Eisenbahn fuhr. Die Gotthardbahn (GB) eröffnete die Strecken Biasca - Bellinzona - Locarno sowie Lugano - Chiasso. Der Bau an der eigentlichen Bergstrecke, inklusive dem Gotthardtunnel, war 1875 gerade in vollem Gang.
1880: Der Eisenbahn-Boom geht weiter
Der Abschnitt der nächsten fünf Jahre ist geprägt von wenig neuen Bahngesellschaften, dafür von teils grossen Netzerweiterungen der bestehenden Gesellschaften. Ausserdem sind erste wichtige Fusionen zu beobachten.
Die NOB eröffnete 64 km neue Strecken. Von Winterthur erreichte sie über Bülach Koblenz, ausserdem wurde die Stichstrecke im Glarner Hinterland Glarus - Linthal erstellt.
Die Strecke Effretikon - Wetzikon - Hinwil wurde 1876 von der Effretikon - Hinwil-Bahn (EH) eröffnet, die 1886 an die NOB überging. Die Boschofszellerbahn (SG) erstellte 1876 die Strecke Sulgen - Gossau, die 1885 ebenfalls von der NOB übernommen wurde.
Die TTB baute ihrer Strecke von Bauma weiter über Gibswil hinunter nach Wald, wo sie auf die neu gegründete Wald - Rüti-Bahn (WR) traf, die in Rüti die Verbindung zur VSB herstellte.
Die SNB baute ihre Strecke weiter in Richtung Westen und eröffnete 1877 die Verbindung von Winterthur über Zürich Oerlikon, Baden und Lenzburg nach Zofingen inkl. der Verbindung Suhr - Aarau. Doch mit ihrer Strecke abseits der grossen Zentren hatte sich die Gesellschaft verspekuliert und der Konkurrenzkampf mit der gerissenen NOB bekam der Bahn nicht. Nach ihrem Konkurs 1880 war es ausgerechnet die NOB, die die Konkursmasse übernahm - notabene zu einem Spottpreis.
Auch die SCB erweiterte ihr Streckennetz: die Gäulinie zwischen Olten und Solothurn, die bis Busswil bei Lyss verlängert wurde, feierte ihre Eröffnung 1876. Erstellt wurde auch das kurze Stück von Solothurn nach Biberist, das 1883 an die EB überging.
Im Jura schloss die JB die Lücke zwischen Tavannes und Delémont und war mit der Erstellung der Strecke Delémont - Porrentruy für einen Anschluss der PD ans Schweizer Bahnnetz besorgt.
Die Compagnie de Suisse-Occidentale (SO), die bereits 1872 aus der Fusion von FS, LFB und OS entstanden war und zu der sich 1876 auch noch die JE gesellte, baute ihr Netz stark aus. Im Broyetal entstanden die Strecken Palézieux - Payerne - Lyss sowie Fribourg - Payerne - Yverdon. Die Compagnie de Simplon (S) schliesslich, die 1874 die LI übernommen hatte, stiess im Wallis von Sierre weiter bis nach Brig vor.
1890: Viele Fusionen und: die Gotthardbahn fährt
1882 feierte die Gotthardbahn die Eröffnung ihrer Bergstrecke und schuf damit die erste alpenquerende Bahnstrecke der Schweiz mit Anschluss ans italienische Bahnnetz in Chiasso.
Ebenfalls neu eröffnet wurde 1883 die Seethalbahn (STB) mit ihrer Strecke Emmenbrücke - Lenzburg. Sie machte Schlagzeilen als erste und einzige normalspurige Strassenbahn der Schweiz durch ein ganzes Tal.
1888 wurde die Brünigbahn von der Jura-Luzern-Bahn (JBL) eröffnet, damals die längste Schmalspurstrecke der Schweiz. Es war unkonventionell, dass eine Bahngesellschaft, die ein weitläufiges normalspuriges Netz besass, eine schmalspurige Bahnstrecke baute. Doch die kleinere Anpassungsfähigkeit im Gebirge sowie die höheren Kosten liessen das Projekt einer Normalspurbahn über den Brünig sterben.
Bestehende Bahngesellschaften erweiterten ihr Netz. Die ASB zum Beispiel verband Othmarsingen mit Brugg und erreichte mit ihrer Strecke durchs Freiamt von Muri über Rotkreuz Immensee, wo sie Anschluss bot an die Gotthardbahn.
Ausserdem war dieser Zeitabschnitt geprägt von Fusionen. Kleinere Bahnen waren dem raueren Wirtschaftsklima nicht gewachsen und mussten sich von den grösseren übernehmen lassen. Die Bülach - Regensberg-Bahn (BR) beispielsweise war bereits 1877 in der NOB aufgegangen, und in der Westschweiz dominierte eine Bahn: die Jura - Simplon-Bahn (JS) hatte fast sämtliche welschen Bahngesellschaften geschluckt. Einzig die Compagnie du Jura neuchâtelois (JN) konnte sich eigenständig halten, nachdem ihre Vorgängergesllschaft, die JI, vorübergehend von der JB und der JBL übernommen worden war.
Im Wallis schliesslich stiess die französiche Bahngesellschaft Compagnie de Paris - Lyon - Méditerranée (PLM) am Südufer des Genfer Sees bis Bouveret vor und verband damit Bouveret mit St-Gingolph und Evian. Bekannt wurde diese Linie als Ligne du Tonkin. Der Abschnitt St-Gingolph - Evian ist seit 1988 stillgelegt.
1900: Letzte Anpassungen vor der Verstaatlichung
Die NOB erweiterte noch einmal ihr Netz mit den Strecken Etzwilen - Schaffhausen - Eglisau, Thalwil - Zug, Dielsdorf - Niederweningen und Zürich - Rapperswil, die als Goldküstenlinie bekannt wurde.
Die Gotthardbahn erstellte den Abschnitt Arth-Goldau - Zug, womit die Strecke Zürich - Gotthard - Chiasso verkürzt wurde.
Die STB verlängerte ihre Strecke von Lenzburg bis Wildegg, um dort Anschluss zu schaffen an die wichtige Verbindungslinie Olten - Zürich. Ebenfalls neu war die 1899 eröffnete Strecke Hasle-Rüegsau - Thun der Burgdorf - Thun - Bahn (BTB), die als Besonderheit von Beginn weg elektrisch verkehrte und dies mit Drehstrom.
Neue Bahngesellschaften waren die Schweizerische Südostbahn (SOB), die eine Bahnverbindung von Arth-Goldau über den Sattel nach Pfäffikon SZ am Zürichsee eröffnete; sowie die Thunerseebahn (TSB), die die Verbindung zwischen Thun und Interlaken durchgehend befahrbar machte.
Damit war der Bau des Schweizerischen Eisenbahnnetzes weitgehend abgeschlossen. In den Jahrzehnten danach kamen nur noch wenige Normalspurbahnen dazu. Die wichtigsten davon sind die Bern - Neuenburg-Bahn (1901), die Simplonstrecke Brig - Domodossola (1906), die Strecke St. Gallen - Rapperswil der BT (1910), die Lötschberg-Bergstrecke (1913), der Grenchenbergtunnel (1915), der Hauenstein-Basistunnel (1916), die Heitersberglinie (1975) und natürlich die Neubaustrecke Mattstetten - Rothrist (2004) sowie die Lötschberg-Basisstrecke (2007).
Auf der Karte rechts ist ersichtlich, dass das Eisenbahnnetz zur Jahrhundertwende von den fünf grossen Gesellschaften JS, SCB, GB, NOB und VSB dominiert wurde. Doch das Schweizervolk beschloss in einer Abstimmung 1898 die Verstaatlichung der Bahnen und so nahm 1902 die SBB ihren Betrieb auf. Die fünf vorgehend genannten Bahngesellschaften gingen in ihr auf (die GB allerdings erst 1909), viele weitere folgten. Das Zeitalter der SBB begann!

Hinweis zu den Karten:
Die Karten stellen jeweils das Bahnnetz Ende des genannten Kalenderjahres dar. Aus Platzgründen wurden die Schmalspurbahnen mit Ausnahme der Brünigbahn sowie einige lokale Normalspurbahnen nicht in die Karte aufgenommen. Wegen der vielen Fusionen wurde die Karte für 1890/1900 neu gezeichnet.
Um die Karten der einzelnen Jahre besser miteinander vergleichen zu können, habe ich für Sie eine Art Diashow vorbereitet; optimiert für eine Auflösung von 1280 x 1024 oder höher: Diashow

Liste der wichtigsten Schweizer Privatbahnen im 19. Jahrhundert

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